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Artenschutzprojekt für Reptilien im Kreis Gütersloh
14.04.2022
Bild: B. Thiesmeier
Reptilien werden als „Kinder der Sonne“ bezeichnet. Zur Regulierung ihrer Körpertemperatur suchen die wechselwarmen Tiere gezielt besonnte oder auch schattige Plätze auf. Das neue Artenschutzprojekt hat zum Ziel, die heimischen Bestände der Eidechsen und Schlangen zu fördern und die Bedingungen für deren Ausbreitung und Vernetzung untereinander zu verbessern.
Allgemeine Informationen

Das neue 

Artenschutzprojekt für Reptilien 

startet im Frühjahr 2022 und wird über drei Jahre von der

Stiftung für die Natur Ravensberg

gefördert. Projektgebiet: Kreis Gütersloh.

Ansprechpartnerin: Conny Oberwelland





Jeder kennt Reptilien als wahre Sonnenanbeter - insbesondere aus Urlauben im Süden. Bei den wechselwarmen Tieren hängt die Körpertemperatur stark von der Umgebungstemperatur und der Sonneneinstrahlung ab. Wird es zu heiß, ziehen sich die Reptilien an Schattenplätze zurück. Ihre beschuppte Haut dient als Verdunstungsschutz, so dass sie relativ unabhängig vom Vorhandensein von Wasser leben.

Bei uns ist der Kenntnisstand zum Vorkommen der Reptilien relativ rudimentär, da die Daten zumeist nur auf Einzelfunde beruhen. Im Gegensatz zu den Amphibien, die sich häufig zur Fortpflanzung im zeitigen Frühjahr an Gewässern sammeln, kommen die Reptilien bei uns mit wesentlich dünneren Populationsdichten vor. Überdies ist die Erfassung deutlich zeitintensiver und aufwändiger.
Einzig allein für die Stadt Gütersloh liegt eine gute Datengrundlage aufgrund von Kartierungen von Thiesmeier et al. (2016) vor.

Im Kreis Gütersloh sind Vorkommen der Zauneidechse (Lacerta agilis), 
Waldeidechse (Zootoca vivipara) und Blindschleiche (Anguis fragilis) bekannt. 
Aus dem Jahr 2021 liegt eine verlässliche Meldung der Mauereidechse (Podarcis muralis) vor, welche bei uns nicht heimisch ist.
Diese vier Arten stehen im Vordergrund des Projektes.

Schlangenarten, die eventuell zu erwarten sind, sind die Ringelnatter (Natrix natrix) und die Schlingnatter (Coronella austriaca).


Zur Unterscheidung der verschiedenen Reptilienarten, die bei uns vorkommen,

nehmen Sie die Bestimmungshilfen von Burkhard Thiesmeier 

(Laurenti Verlag, Bielefeld) zur Hand!


Zauneidechse


Für die Zauneidechse stellen nach Süden ausgerichtete Bahndämme und ihre Gleiskörper attraktive Lebensräume dar, wenn neben den Sonnenplätzen auch ausreichend Versteckmöglichkeiten in Form von Gebüschen oder Hochstaudenfluren geboten werden.

Ihre Eier legt die Zauneidechse in nährstoffarme Sandböden ab, die sich durch die Sonne schnell erwärmen. Auf diese Weise brauchen die Eier nicht bebrütet zu werden.


Aus dem Kreis Gütersloh sind von der Zauneidechse aktuell lediglich Funde aus den Bereichen Stukenbrock, Gütersloh und Harsewinkel bekannt:
Verbreitung der Zauneidechse.



Die Zauneidechse wird in der Roten Liste von NRW (2011) als „stark gefährdet“ geführt und ist in Europa laut Flora Fauna Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) eine streng geschützte Art.





Heideflächen, wie diese in Bielefeld-Senne, werden gern von Zauneidechsen besiedelt.
(Bild: C. Quirini-Jürgens)

Das Zauneidechsen-Männchen macht während der Paarungszeit mit seiner auffälligen Grünfärbung auf sich aufmerksam.
(Bild: B. Thiesmeier)

Das Zauneidechsen-Weibchen ist kontrastreich, doch weniger farbenfroh gefärbt.
(Bild: T. Bierbaum)


Zauneidechsen gehören zu der Familie der Echten Eidechsen (Lacertidae), Gattung Lacerta.


Gut zu wissen:

Zauneidechsen produzieren Abwehrstoffe gegen Borreliose. Werden sie von Zecken mit dem Erreger befallen, so wird die Zecke borreliosefrei und die Infektionskette ist unterbrochen.

Waldeidechse


Die Waldeidechse hingegen ist aufgrund ihrer klimatischen Anpassung an die nördlichen Breiten lebendgebärend.

Die Jungen sind vom ersten Tag an nach ihrer Geburt auf sich allein gestellt.

Die Waldeidechse besiedelt u.a. auch gern Bahnanlagen, Steinbrüche, Heidestandorte, Sandgruben und Dünen sowie Wald- und Wegränder.
Sie bevorzugen etwas feuchtere Habitate als die Zauneidechse.

Laut Roter Liste von NRW (2011) ist die Waldeidechse ungefährdet und wird in der Vorwarnliste geführt.


Das NSG Hühnermoor ist Lebensraum einer größeren Waldeidechsen-Population.
(Bild: I. Jürgens)

Die Waldeidechse wird maximal 18 cm lang und ist im Vergleich zu der Zauneidechse zierlicher.
(Bild: B. Walter)




Die Waldeidechse (und auch andere Eidechsen) sucht gern Holzflächen auf, da diese sehr gute Wärmespeicher sind. So können die Tiere auch abends und bei bewölktem Wetter Wärme tanken. 


Die Waldeidechsen gehört zu der Familie der Echten Eidechsen (Lacertidae) und zählt als einzige Art zu der Gattung Zootoca.







Mauereidechse


Die Mauereidechse ist ein typischer Kulturfolger, der in Weinbergen, an Gebäuden, sowie an Bahn- und Straßenböschungen vorkommt.

Doch insgesamt ist ihr Biotopspektrum sehr breit. Flächen, die nach Südosten oder Südwesten exponiert sind, werden von ihr bevorzugt.

Und wie ihr Name schon sagt: Oftmals ist sie an Mauern anzutreffen, deren Hohlräume ihr Schutz gegen starke Hitze und Kälte bieten und als Versteck dienen.

Auf den warmen Steinen kann sie ihren Organismus beim Sonnenbaden auf „Betriebstemperatur“ bringen, um sich auf die Jagd nach Insekten und Spinnen zu begeben.

In Deutschland kommt die Mauereidechse schwerpunktmäßig in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vor. Die Hanglagen an den Flüssen bieten ihr attraktive Lebensbedingungen. 

Weiterhin gibt es Vorkommen in Hessen und im Saarland. In Nordrhein-Westfalen sind zwei Mauereidechsen-Unterarten im Rheintal bei Bonn und in der Eifel heimisch.



In der Roten Liste (2011) wird die Mauereidechse für unsere Region als „(lokal) etablierte Bestände entstanden aus ausgesetzten Tieren“ geführt. 

Die nicht-heimische Mauereidechse ist zwar nicht als invasive Art definiert, kann jedoch als Konkurrent die heimische Zauneidechse verdrängen und wird daher im Bestand nicht durch gezielte Maßnahmen gefördert.




Diese Trockenmauer aus Findlingen stellt einen attraktiven Lebensraum für die wärmeliebenden Mauereidechsen dar. (Bild: T. Bierbaum)

Mauereidechsen-Paar am NSG Blömkeberg in Bielefeld. (Bild: C. Quirini-Jürgens)


Auch die Mauereidechse gehört zu den Echten Eidechsen (Lacertidae), Gattung Podarcis.



Gut zu wissen:

Bei den Mauereidechsen in unserer Region handelt es sich um nicht-heimische Eidechsen (allochthone Tiere). 

Eine größere Population besiedelt die Bahngleise in Schloss Holte-Stukenbrock. Es handelt sich dabei um die Unterart Podarcis muralis merremius/brogniardi, die mutmaßlich von autochthonen Populationen aus Westdeutschland (Rheinland etc.), aus der Westschweiz und Frankreich (mit Ausnahme des Westens und Südwestens) abstammt (Schulte et al. 2008).

Fernerhin wurden nachweislich Tiere im Jahr 1996 oberhalb des Ostwestfalendamms in Bielefeld ausgesetzt, die mittlerweile mit eine große Population gebildet haben. Laut der Genanalyse von Schulte et al. (2008) handelt es sich dabei um Mauereidechsen der Südalpen-Linie (Westform der Unterart Podarcis muralis maculiventris).


Im Jahr 2021 wurden zudem Mauereidechsen in Gütersloh-Isselhorst gemeldet


Im Rahmen des Projektes soll mit Hilfe einer Gen-Untersuchung geklärt werden, ob es sich um weitere Tiere der Südalpen-Linie handelt, die sich entlang der Bahnlinie von Bielefeld nach Gütersloh ausgebreitet haben.





Blindschleiche


Auch die Blindschleiche ist lebendgebärend.
Ihre Lebensraumansprüche sind relativ breit gefasst: Feuchtere Wiesen, Wald- und Wegränder, Hecken und auch genannte Standorte der Eidechsen stellen attraktive Habitate für die Schleichen dar.


Sie gehört zu den am häufigsten vorkommenden Reptilien.

Laut Roter Liste von NRW (2011) ist die Blindschleiche ungefährdet und wird in der Vorwarnliste geführt.


Das NSG Gartnischberg in Halle ist für das Vorkommen der Blindschleiche bekannt.
(Bild: C. Quirini-Jürgens) 

Blindschleichen werden bis zu 57,5 cm lang. Die meisten erwachsenen Tiere erreichen aber eher eine Länge von 40 bis 45 cm.
(Bild: C. Quirini-Jürgens)


Gut zu wissen:

Die Blindschleiche gehört nicht zu den Schlangen, sondern zu der Familie der Schleichen (Anguidae). 

Diese haben im Gegensatz zu den Schlangen bewegliche, verschließbare Augenlider. Sie bewegen sich langsamer und weniger agil als Schlangen.

Die Blindschleiche kann zwar nur eingeschränkt sehen, ist aber nicht blind! Ihr Name wird vielmehr darauf zurückgeführt, dass ihr Körper blendend und glänzend ist.

Der Biss einer Blindschleiche ist  im Gegensatz zum Biss einiger Schlangen nicht giftig.


Aufruf an Radfahrer: 

Blindschleichen halten sich oftmals auch auf den Wegen auf. 

Bitte nehmen Sie Rücksicht auf die Tiere und umfahren Sie diese! 


Lebensweise der Reptilien

Eidechsen:

Sie ernähren sich vorwiegend von Insekten, Würmern und anderen Gliedertieren – je nach Jahreszeit und Angebot. 

Haben sich die Tiere ausreichend Energiereserven über den Sommer angefressen, so ziehen sie sich in ihre frostsicheren Überwinterungsverstecke zurück. Erwachsene Männchen verschwinden bereits Anfang August, Weibchen im September und Jungtiere im September/Oktober.

Sobald es im zeitigen Frühjahr (März) wieder etwas wärmer wird, kommen die Tiere aus ihrer Winterstarre. Die Paarungszeit beginnt nach der ersten Häutung (etwa Ende April) und dauert bis Ende Juni/Anfang Juli an.

Blindschleichen:

Die Nahrung der Blindschleichen besteht vorwiegend aus Nacktschnecken, Regenwürmern und unbehaarten Raupen. Weitere Beutetiere sind z.B. Heuschrecken, Käfer, Ameisen, Spinnen und Blattläuse. 

Auch die Blindschleiche verbringt den Winter in Kältestarre und versteckt sich ab Oktober in frostsicheren Verstecken, wie selbst angelegten, unterirdischen Gängen im Boden. Im März oder Anfang April wird die Blindschleiche wieder aktiv; ihre Fortpflanzungszeit liegt meist zwischen Ende April und Juni.


Ein typisches Merkmal der Schleichen und Eidechsen sind die Sollbruchstellen im Schwanz. Werden sie von Feinden, wie Fuchs, Marder oder Hauskatze verfolgt, werfen sie einen Teil ihres Schwanzes zur Ablenkung ab. Bei den Echten Eidechsen wächst das Teilstück wieder nach. Bei den restlichen Reptilien bildet sich ein Stumpf an der Bruchstelle.


Gefährdung

Die Zerstörung von Lebensräumen und Kleinstrukturen in der Landschaft stellt ein großes Problem für die Reptilien dar. Dazu zählen die Kultivierung von Brachland, die Umwandlung von Grünland in Acker, der Verlust von Randstreifen und Böschungen, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oder auch die zunehmende Zerschneidung der Landschaft durch Verkehrswege und die Versiegelung durch den Siedlungsbau.

Überdies kann das Vorkommen einer hohen Anzahl natürlicher Feinde zu einer Gefährdung beitragen. Reptilien gehören zum Beutespektrum von Greifvögeln, Rabenvögeln, Eulen, Fasanen, Amseln, Wildschweinen, Waschbären, Mardern, Füchsen, Igeln, Ratten, Hauskatzen,… 

Die Eidechsen werden überdies von Schlangen, z.B. der Schlingnatter gefressen, während Blindschleichen-Jungtiere wiederum Eidechsen zum Opfer fallen können.


Das Schutzprojekt

Das neue Artenschutzprojekt für Reptilien hat das Ziel, die Bestände der heimischen Reptilien zu fördern und die Bedingungen für deren Ausbreitung und Vernetzung untereinander zu verbessern. 

Als Voraussetzung für eine gezielte Umsetzung von Schutzmaßnahmen werden in ausgewählten Gebieten Erfassungen durchgeführt. Auf diese Weise soll die Datengrundlage zum Vorkommen der Reptilien mit ihren Schwerpunktbereichen und möglichen Verbundsystemen verbessert und aktualisiert werden.

Ein weiterer Schwerpunkt wird die Umsetzung von gezielten Schutzmaßnahmen sein.

Mit dem Projekt wird die erfolgreiche Arbeit von Thiesmeier et al. (2016) fortgeführt. Die Arbeit beinhaltete Kartierungen in ausgewählten Gebieten mit Vorrangflächen in der Stadt Gütersloh, dank derer zahlreiche neue Fundorte von Reptilien ermittelt wurden. Ein weiteres Ergebnis der Arbeit ist das „Konzept zur Pflege von Reptilien-Strukturen und Empfehlungen zur Förderung von Vorkommen im Stadtgebiet Gütersloh“ (Schulte 2020).


Schutzmaßnahmen

Als mögliche Pflege-Maßnahmen sind die Entfernung von Gehölzaufwuchs, die schonende Mahd und das Abtragen von Oberboden zu nennen. 

Förder-Maßnahmen sind z.B. die Einrichtung von Pufferzonen im Randbereich von Weiden oder Ackerflächen, die Errichtung von Wurzelstock-Sandhaufen und die Anlage von Holzstrukturen, wie Benjeshecken.


Neue Lebensräume werden möglichst im Bereich derselben Meta-Population umgesetzt oder zumindest mit anderen Beständen derselben Art vernetzt.







Mit Hilfe der Anlage von Steinhaufen mit Wurzelstöcken kann die Zauneidechse gefördert werden. (Bild: H. Meinig)


Diese Wiesen-Schlüsselblumen-Fläche im NSG Gartnischberg in Halle bedarf einer extensiven, schonenden Bewirtschaftung. Sie bietet der Blindschleiche einen attraktiven Lebensraum.
(Bild: C. Quirini-Jürgens)












Quellen

Schlüpmann, M.; Mutz, T.; Kronshage, A.; Geiger, A. & Hachtel, M. unter Mitarbeit des Arbeitskreises Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalen (2011): Rote Liste und Artenverzeichnis der Kriechtiere und Lurche - Reptilia et Amphibia - in Nordrhein-Westfalen. In: Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Rote Liste der gefährdeten Pflanzen, Pilze und Tiere in Nordrhein-Westfalen. 4. Fassung. - LANUV-Fachbericht 36, Band 2: 159-222.

Schulte, U., B. Thiesmeier, W. Mayer & S. Schweiger (2008): Allochthone Vorkommen der Mauereidechse (Podarcis muralis) in Deutschland. Zeitschrift für Feldherpetologie 15: 139-156.

Schulte, U. (2020): Konzept zur Pflege von Reptilien-Strukturen und Empfehlungen zur Förderung von Vorkommen im Stadtgebiet Gütersloh. – unveröff. Pflegekonzept im Auftrag der Stadt Gütersloh.

Thiesmeier, B., Albrecht, J. & U. Schulte (2016): Reptilien in Gütersloh.- Feldherpetologisches Magazin 5: 29-38.



Die Ringelnatter, die im Umfeld des Menschen lebt, ist nach altem Volksglauben Glücksbringer - sie soll kleine Kinder bewachen und Haus und Vieh schützen. Für den Menschen ist sie vollkommen ungefährlich. Ein älteres Vorkommen der Ringelnatter ist in Verl bekannt. (Bild: Bernhard Walter)

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